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IVO ANDRIĆ: EX PONTO

Posted on : 12-11-2018 | By : admin | In : 01 VIJESTI I NOVOSTI

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Zahlreich sind auch die unterschiedlichen
Schmerzen, die Menschen auf dieser Welt erleiden,
wo man mit einer schöneren Seele tiefer schluchzt;
Wer auch nur von einem dieser wahrhaftigen, großen
Schmerzen heimgesucht wurde, der ist mein Bruder
und mein Freund.
Ivo Andrić: Ex Ponto, Zagreb 1918.

prilog: Ivica Košak

Ivo Andric 4Ex Ponto ist ein zentrales Werk in Andrićs frühem literarischen Schaffen, das im Unterschied zum späteren Erzählwerk des Autors weitestgehend unbekannt geblieben ist.

Die Sammlung Ex Ponto stammt aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und ist während Andrićs Gefängnishaft in Maribor und seiner Internierung in der bosnischen Provinz entstanden.

Der spätere Nobelpreisträger und berühmte Schriftsteller Ivo Andrić wurde durch dieses Buch als Dichter entdeckt und stellte damit seine Vielseitigkeit unter Beweis.

Der Prosaband Ex Ponto beinhaltet eine lyrisch-meditative Dichtung, die trotz literarischer Stilisierung einen autobiographischen Bezug – zum Teil sogar einen Tagebuchcharakter – aufweist. Still und leise sind Andrićs Beobachtungen, die in Bildern der Wehmut und der Sehnsucht sein Leben zeigen. Selbst die Liebeslieder, die an die porösen Balkanfelsen und Klippen seiner bosnischen Heimat erinnern, bezeugen seine Zweifel und die sich immer wieder stellende Frage: Wer bin ich, wohin gehe ich und warum suche ich immerzu den Weg über die Brücke (ex Ponto)?

In diesen ersten veröffentlichten Schreibversuchen, die  entstanden  als er  bis zur Erschöpfung und bis zum Wahnsinn auf die Tür seiner Gefängniszelle starrte, zeigt sich  überraschend viel Kampf um gedankliche und sprachliche Präzision, um Rhythmus, Ton und Tempi. Es ist ein Kampf, den der junge Andrić nicht gewinnen konnte. Dass er später als berühmter in alle Weltsprachen übersetzter Autor an sein Frühwerk nicht gern erinnert wurde und Neuauflagen oder Übersetzungen seiner Gedichte untersagte, überrascht aber. Andrićs frühe Veröffentlichungen belegen, wie er  aus seinem Hin- und Hergerissen-Sein schmerzhaft als Schreiber geboren wurde, der im Jahre 1918 nicht anders konnte, als erzählen:
Ihr schreit: Sieg, aber es gibt keinen Sieg, sondern eine kleine blutige Lüge und ein großes Unglück … Es gibt keine Siege und keine Niederlagen, sondern gleichermaßen immer und überall bei den Besiegten und bei den Siegern nur den geschundenen, erniedrigten Menschen.

Hundert Jahre danach, in Zagreb im Jahre 2018, ist Ivo Andrić vergessen und verdrängt.  Geblieben, ja sogar wiedergeboren ist der Schmerz: Wer auch nur von einem dieser wahrhaftigen, großen Schmerzen heimgesucht wurde, der ist mein Bruder und mein Freund.

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