berlin

Angekommen. Nummer zwei

Posted on : 24-12-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ERINNERUNGEN
von Anja Breljak

Länge Gänge schlängeln sich an hohen Türen, so wie die Autos am Bus auf den gebrochenen Straßen, so wie die Reihen an Menschen mit Koffern und Taschen auf der Flucht. Er steht in diesem langen Gang, macht sich ganz klein.
Graue Plastiksitze, schreiende Kinder. Ein daumengroßer Zettel in der Hand seiner Mutter, darauf eine Nummer.
Und alle schauen auf die roten Striche der Anzeige an der Wand. Und immer wenn eine neue Nummer auftaucht, klackert es durch das Kindergeschrei.
Nur manchmal öffnen sich die geheimnisvollen Türen, und dahinter ein Stück Schokolade, ein betrunkener Onkel, eine freundlich lächelnde Dame mit dieser bellenden Sprache und einem Schreiben in der Hand, in eben jener Sprache, die noch voller Geheimnisse und komischer Klänge ist. Hajm. Was für ein komisches Wort.
Das Schreiben sagt ihnen wohin. Und schickt sie an den Rand der Stadt. Überall türmen sich weiße und graue Häuser aus Quadraten, wie im Badezimmer. Quadratische Köpfe schauen aus den schiefen Fenstern.
In ihrem Wohnheimen in Köpenick waren nicht nur Asylbewerber. Auch ein alter deutscher Mann wohnte nebenan, nur eine Tür weiter. Er hatte immer Schokolade. Und sprach mit ihm. Und drehte an seinem Radio. Sie waren Freunde. Auch wenn er ihn nicht verstand. Eines Tages drückte er ihm das Radio in die Hand. Kaput. Was für ein komisches Wort.

Sie waren die einzigen auf der Etage. Trotzdem waren überall Stimmen. Fernseher, Kinder, meckernde Mütter.
Eine gläserne Tür, schwer, mit Metallrahmen, trennte den Gang von der Treppe. Und wenn sie zuschnappte, dann aus einem Grund: In Wahrheit frisst sie Kinderfinger.
Wer alleine nachts auf die Toilette ging, sollte nicht spülen, lieber schnell davonlaufen, ehe die Hand aus der Toilettenschüssel nach einem greift. Der Portier, draußen am Eingang, der immer die Dokumente kontrolliert, der verwandelt sich bei Dämmerung in einen Hund mit Schaum vor dem Mund und jagt böse Kinder aus dem Bett.
Eines Tages beschlossen sie, er und der Junge aus dem Erdgeschoss mit den großen Ohren, einen Tunnel zu graben. Über ihrem Kopf schaukelten rostige Stacheln, der grüne Maschendrahtzaun quietschte. Hand um Hand gruben sie bis es dunkel wurde. Auf der anderen Seite, auf dem Hügel, wuchsen Himbeeren. Was wohl hinter dem Hügel war?
Als sie sich schließlich in die Erde drückten, mit den Stacheln über dem Kopf, durchrutschten durch den Tunnel und mit der Fingerspitze die erste Himbeere berührten, waren sie angekommen. Dort, auf der anderen Seite. Bis ein fleischiges Bellen sie von den Himbeeren riss: der Portier, der Hund mit dem Schaum, jagte auf sie zu, mit grimmigen Blick und auf sie zielenden Ohren wie Pfeilspitzen. Ein Knall, Hundekopf gegen Holzbrett, und ein enttäuschtes Jaulen. Um Haaresbreite hätte er sie erwischt. Die sandigen Hosen landeten in der Waschmaschine, im Raum der rüttelnden Waschmaschinen. Wenn man sie alle auf einmal anmachte, allen zur gleichen Zeit einen Plastikknopf in den Schlitz schob, so sagten die älteren Kinder, würde das ganze Hajam einstürzen.
Jede Familie bekam zwei Knöpfe pro Woche. Jeder sollte seiner Mutter einen stehlen, und mitbringen am nächsten Tag. Als er in die Holzschublade griff, griff ihre Hand nach seiner Schulter. Nichts, ich wollte nichts. Und schon flossen Tränen über die Wangen seiner Mutter.

Einige Menschen im Hajam gingen zur Arbeit. Zu allen Uhrzeiten. Als Bauarbeiter und Putzfrauen, sie arbeiteten in Restaurants oder Hotels. Und viele Kinder gingen in die deutsche Schule. Er war im Zimmer, und wartete bis er wieder zurück nach Sarajevo durfte. Zurück in seine Schule dort. Wieder in die fünfte Klasse.
Diese Zeit war irgendwie immer ein Warten, diese Zeit im Wohnheim. Kein Ankommen und kein Anfang.
Über seinem Kopf rannte Tom Jerry hinterher. Bis er schließlich mit Spyke, der Bulldogge, zusammenstieß. Nun war Tom der Gejagte. Seine Mutter saß über ihrem Kaffee und drückte Zuckerwürfel in das Braun, bis sie sich vollsogen. Ihr Bein rauschte am Tisch hin und her. So schaukelten dann auch seine Beine auf dem Holzstuhl, auf seinem Heft hatte er seine Ellbogen abgelegt, um sein Blatt vor dem Nachbarn zu verstecken. Er schrieb das Datum und seinen Namen. Mehr nicht. Seine erste Schulstunde, ein Test in Geschichte. Auf Dojtš. Was für ein komisches Wort.

Comments (1)

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