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DIE ZUGFAHRT

Posted on : 03-03-2012 | By : admin | In : 07 KOLUMNE, Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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IZ NAŠE ARHIVE
ANJA´S BRIEF
piše: Anja Breljak
anja.breljak@gmx.de

Sarajevo/ Neunzehn Stunden dauert die Zugfahrt von Sarajevo nach München. Mit dem Bus dauert die Reise genauso lange, bis nach Berlin wären es etwa 26 Stunden.
Neben mir saß ein älterer Mann, der seinen Platz nicht mit meiner Mutter tauschen wollte. Mein kleiner Bruder saß auf ihrem Schoß. Ich kann mich nur noch an die Dunkelheit erinnern. Und daran, wie mein kleiner Bruder anfing sich zu übergeben. Der ältere Mann überließ schließlich seinen Platz

WENN WIR WARTEN

Posted on : 09-03-2011 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ERINNERUNGEN
von Anja Breljak
Der Radiergummi neben den Bleistift neben den Anspitzer.
Er schreibt das Datum in die rechte Ecke. In die linke schreibt er seinen Namen. Über dem S ein kleines Häkchen.
Unter den Buchstaben zwei zitternde Striche.
So als wollte er unterstreichen, dass zumindest etwas von ihm auch tatsächlich an diesem Ort ist. Dass er an diesem Tisch sitzt.
Das Mädchen neben ihm verdeckt mit ihrem linken Arm ihr Blatt, schützt ihr Papier, auf das kleine Zeichen kleckern.

Angekommen. Nummer zwei

Posted on : 24-12-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ERINNERUNGEN
von Anja Breljak

Länge Gänge schlängeln sich an hohen Türen, so wie die Autos am Bus auf den gebrochenen Straßen, so wie die Reihen an Menschen mit Koffern und Taschen auf der Flucht. Er steht in diesem langen Gang, macht sich ganz klein.
Graue Plastiksitze, schreiende Kinder. Ein daumengroßer Zettel in der Hand seiner Mutter, darauf eine Nummer.
Und alle schauen auf die roten Striche der Anzeige an der Wand. Und immer wenn eine neue Nummer auftaucht, klackert es durch das Kindergeschrei.

FLÜCHTLINGSKINDER

Posted on : 13-12-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ERINNERUNGEN
von Anja Breljak

„Was ich bin?“ Fragt Martina mich zurück. Und ich erschrecke kurz über diese Frage. Eine gelbe Straßenbahn rauscht über die Oranienburger Straße. Wie würde ich denn selbst antworten?
Und dann huscht dieses schwermütig strahlende Grinsen auf ihr Gesicht.
„Immer noch ein Flüchtling,“ sagt sie, und hat dabei ein ganz bosnisches Gesicht.

IM DUNKELN

Posted on : 07-06-2010 | By : admin | In : 07 KOLUMNE, Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ANJA´S  BRIEF
Piše: Anja Breljak

Sarajevo/An manchen Tagen stehen wir im Dunklen. An manchen Tagen ist nichts um uns herum, nur ein ferner, kühler Lichtstrahl, der sanft unsere Wangen streichelt. An manchen Tagen wirkt alles fremd und fern, und alles ist taub und stumm. So, als säße man in einer Höhle. Allein. Und hörte immer nur sein Echo, hörte niemanden sonst.
Als Kinder spielten wir häufig in einem Versorgungstunnel eines Supermarktes. Tagsüber war es ein Abenteuer, mit

SCHWEIGEN

Posted on : 08-05-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ANJA´S BRIEF
Piše: Anja Breljak

Ein leiser Wind weht durch die Stadt, nur das Rattern des alten Buses schneidet sich durch die Ruhe. Wie ausgestorben.
Niemand ist auf der Straße, nur ich und ein Mädchen sind aus dem Bus aus Bugojno ausgestiegen. Gornji Vakuf-Uskoplje. An der Buststation weiß niemand so richtig, wann der nächste Bus zurückfährt, und in der Station in Bugojno sei das Telefon ausgeschaltet.
Es ist erster Mai, der Tag der Arbeiter. Hier wird dieser, man sollte meinen sozialistische Feiertag direkt drei Tage lang gefeiert. In Sarajevo liefen die Vorbereitungen schon seit Tagen, Banner wurden aufgehangen, Luftballontrauben durch die Straßen geschubst.

SARAJEWO NACH DER SCHREIBBLOCKADE

Posted on : 01-05-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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ANJA’S BRIEF
piše: Anja Breljak

Mich verfolgt in den letzten Tagen eine seltsame Angst. Es ist keine Angst, die mich antreibt, sondern eine, die mich gleichzeitig ersticken und panisch atmen lässt. Der erste Schritt aus dem Flughafengebäude. Der erste Blick auf die Klingelanlage und eine mentale Ohrfeige, weil ich den Nachnamen meiner Vermieterin vergessen hatte. Das erste „Ciao“, ein halbkreisförmiger Wink, ein verstohlenes Lächeln und eine zu schnelle, etwas unbeholfene Bewegung zum Stuhl, als ich das erste Mal den Seminarraum betrat.
In den ersten Tagen lief alles in seinem Laufen, mit all jenen

DER BRIEF AUS SARAJEVO

Posted on : 31-03-2010 | By : Sonja | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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Regeln…Regeln…
piše: Anja Breljak

Es gab einen Witz über akademische Regeln im sozialistischen Jugoslawien. Erstens: denke nicht. Zweitens: selbst wenn du denkst, dann schreib es nicht auf. Drittens: solltest du es doch aufschreiben, mache dir keine Gedanken um die Veröffentlichung. Das erledigt sich bei der nächsten Hausdurchsuchung von selbst.
„Ich weiß ja nicht, wie das in Berlin ist.“ So spricht mich der Professor aus der Vorlesung über die Geschichte der Philosophie immer an, wenn er eigentlich nur seine eigene Meinung über die Situation in Bosnien hören möchte. „Aber unsere Studenten sind von Grund auf faul und unwillig. Die Deutschen haben sich Disziplin eingeprügelt, hier muss

DER BRIEF AUS SARAJEVO

Posted on : 23-03-2010 | By : admin | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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Erwartungen.
piše: Anja Breljak

In der Republika Srpska hat Ministerpräsident Dodik einen Medienboykott gegenüber den föderalen Medien angeordnet. Mehrere Zehntausend KM hätte er an Schulden gegenüber dem föderalen Fernsehsender FTV. Entschädigungszahlungen. Verleumdung war der Grund seiner abgeschmetterten Klagen, Korruption und Hinterziehung der Grund für die Berichte.
Sie zieht zum nächsten Thema:
Karadzic und Šešelj grinsen breit von den blauen Hemden zweier junger Männer, beides Sportler, beide waren im

DER BRIEF AUS SARAJEVO

Posted on : 16-03-2010 | By : Sonja | In : Anja Breljak: ANJA' S BRIEF

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autor: Anja  Breljak

Angekommen!
Etwa dreißig Jahre sind vergangen. Sie, mit schwarzen Locken, betritt dieselbe Wohnung. Elfter Stock. Unter ihr parken und fahren und halten die Autos, vor ihr die Häuser und Hügel von Novo Sarajevo. Und die erste Nacht ist voller ungewohnten Lärms, beißenden Lichts und drängenden Bildern.
Immer und überall schlafen zu können ist mein Glück. Nur diese erste Nacht ist, als hätten sich meiner Mutter Erzählungen von ihrer ersten Nacht in eben derselben Wohnung in mich geschlichen.
Als ich klein war, vielleicht zwei oder drei, fuhren wir häufig zu meiner